Du bist auf einer der großen Hauptverkehrsachsen in Panama-Stadt unterwegs.
Die linke Spur wird zur Linksabbiegerspur. Die Ampel für gerade aus springt auf rot.
Was macht der juega vivo?
Er wechselt auf die Linksabbiegerspur und fährt bis vorne.
Was passiert, wenn die Linksabbiegerampel auf grün springt?
Er bleibt einfach vorne auf der Linksabbiegerspur stehen und blockiert alle Linksabbieger, die sich mit Hupen bedanken.
Manchmal zieht er auch nach rechts rüber und steht dann halb auf der Kreuzung vor den anderen.
Dafür gibt es hier ein Wort.
Was „juega vivo“ heißt
Juega vivo ist ein panamaischer Begriff und bezeichnet das Ausnutzen einer Situation zum eigenen Vorteil — besonders dann, wenn man glaubt, dass der andere es nicht merkt, sich nicht wehren kann oder ohnehin nichts dagegen tun wird.
Eine 1:1 Übersetzung ins Deutsche ist mir nicht bekannt.
Es gibt unterschiedliche Ausprägungen von juega vivo. Hier ein paar Beispiele.
1. Die Machtposition ausnutzen
Die Form, über die am lautesten geklagt wird und die es regelmäßig in die Zeitung schafft: Wer eine Position hat, nimmt mit, was sich mitnehmen lässt.
2025 geriet die Personalpolitik der Nationalversammlung massiv unter Druck.
Die Contraloría (Rechnungshof) kündigte an, mehr als 400 Personen an die Staatsanwaltschaft zu überweisen — wegen des Verdachts, bezahlt zu werden, ohne zu arbeiten.
Bei ihren Kontrollen stellte sie fest, dass die Asamblea weit mehr Personal führte, als im Gebäude überhaupt Platz hatte.
Contralor Anel Flores fasste es so zusammen: „In das Gebäude passen 1.500 Menschen. Am Tag, als wir ankamen, waren dort fast 3.000.“
Um herauszufinden, wer tatsächlich arbeitet, wurden die letzten beiden Gehaltszahlungen nicht per Banküberweisung, sondern per Scheck ausgezahlt.
2. Der Untergebene gegen den Vorgesetzten
Eine andere Variante des juega vivo geht von unten nach oben.
In meinen Unterhaltungen mit Panameños wurde mir immer wieder eine Haltung beschrieben: Sie sehen den Arbeitgeber als jemanden, der sie ausnutzt.
Wie rächt man sich? Man macht die Arbeit schlampig oder verbringt die halbe Schicht am Handy.
Der Gedanke dahinter: Ich mache so wenig wie möglich und bekomme trotzdem mein Gehalt.
Indem die Person Dinge herauszögert oder sie nicht so macht, wie man es von ihr erwartet, holt sie sich ein Stück Kontrolle über eine Lage zurück.
3. Das Überlegenheitsgefühl
Ich hatte einen Mitbewohner, der jeden Tag die Waschmaschine und den Trockner mit kaum Wäsche laufen ließ.
Diese Person ist sich sehr wohl bewusst, dass es jedes Mal Strom und Wasser kostet.
Es wäre kein Problem gewesen, ein oder zweimal pro Woche zu waschen.
Dem juega vivo geht es um das Gefühl, dem anderen einen Schritt voraus zu sein.
Auch dann, wenn man selbst nichts davon hat außer sauberer Wäsche.
Es ist ein Austesten, wie weit man gehen kann.
4. Vorgeben, etwas zu können
In Panama bekommt man bei Problemen sehr schnell einen Anwalt empfohlen.
Welches Fachgebiet spielt keine Rolle: Anwalt löst Probleme. Du gibst ihm Geld, er kümmert sich.
Ich hatte einmal eine Frage zu einem Mietvertrag.
Mir wurde jemand empfohlen, ich rief an und schilderte den Fall. Er erzählte mir, er sei ohnehin gerade im Wohnungsministerium gewesen — ein Todesfall in der Familie —, und ja, er könne sich darum kümmern.
Dann erklärte er mir Dinge, die er dort offensichtlich selbst gerade erst gelernt hatte.
Da ich mich mit dem Thema schon befasst hatte, merkte ich, dass er nicht mehr wusste als ich.
Er hatte keinen blassen Schimmer, was zu tun war. Aber er wusste ganz genau, was es kosten sollte.
Dies kommt auch innerhalb von panamaischen Familien vor.
Ein Verwandter gibt vor, sich um etwas zu kümmern, am Ende kommt nichts dabei heraus — und manchmal ist Geld weg.
5. Ignorieren, statt Nein zu sagen
Mit dieser Version des juega vivo kommt man in Kontakt, wenn jemand etwas nicht machen will oder kann — es aber nicht sagt.
Die Strategie: die Person so lange ins Leere laufen lassen und passiv blockieren, bis sie von selbst aufgibt.
Der Klassiker: „Lassen Sie mir Ihre Nummer da, wir rufen zurück, wenn es fertig ist.“
Die Nummer wird aufgeschrieben. Der Zettel landet in der Ablage oder im Müll. Beim nächsten Mal dasselbe Spiel.
Oder: „Ihr Fall hat Priorität“ — die Mitarbeiterin legt Deine Akte ganz oben auf den Stapel. Und tschüss!
Manchmal will der Mitarbeiter zum Beispiel den Chef nicht „nerven“ und den Kontakt vermeiden. Das habe ich hier schon öfter gesehen.
Fazit
Wenn Du in Panama lebst, kommst Du mit juega vivo in Berührung.
Du wirst Panameños sagen hören, dass jemand ein juega vivo ist.
Mit etwas Übung lernt man juega vivos frühzeitig zu erkennen.
Die Idee dieses Artikels ist, Dich für das Thema zu sensibilisieren, damit Du bestimmte Muster frühzeitig erkennst und unnötigen Frust vermeidest.
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